Im Trainingslager auf Fuerteventura tummeln sich ja bekanntlich viele Größen des Triathlon Sports während der kalten Jahreszeit. Wir haben Thomas “Hell on wheels” Hellriegel getroffen und gespannt seinen Geschichten gelauscht.

Sebastian: Hallo Thomas, schön dich kennenzulernen. Du bist ja so eine Art Legende – als erster deutscher IronMan Hawaii Gewinner 1997 in Kona. Das ist jetzt ziemlich genau 20 Jahre her. Dein Spitzname war damals „Hell on Wheels“ – Ist das von deinem Namen abgeleitet und kam das in Kona nach deinem Sieg?

Thomas: Nee, das war bei meinem ersten Auftritt 1995. Da hab ich mir keine großen Chancen für eine Top-End-Platzierung ausgemalt. Ich bin einfach los zum Wettkampf und Radfahren war meine Stärke. Da wollte ich einfach mal schauen was auf dem Fahrrad möglich ist. Das ging dann so aus, dass ich Zweiter wurde. Nach dem Radfahren hatte ich auf den Mark Allen – der da schon 5 Siege hatte – einen 12 / 13 Minuten Vorsprung.

Sebastian: Das heißt du warst Erster?

Thomas: Ja, ich hab ungefähr 6 Stunden geführt – bis zum Laufen bei Kilometer 38 oder 39. Klar, der musste das erstmal zulaufen und so schlecht war ich auch nicht im Laufen. Wenn ich da gewusst hätte, dass ich eine Perspektive auf einen Podiumsplatz habe, dann hätte ich mich auf dem Rad auch ein bisschen zurückgehalten, wäre ein bisschen defensiver gefahren und vermutlich auch ein Ticken schneller gerannt. Wie auch immer – daher kam das. Der Australier Greg Welch – der 1994 gewonnen hat (also das Jahr zuvor) – der hat das gesagt bei der Pressekonferenz: „Das ist die Hölle auf Rädern“.

Beim Schwimmen hatte ich auch ein bisschen Rückstand – da bin ich noch nicht so gut geschwommen. Nach 40 km bin ich einfach von hinten gekommen, kurz vorbeigefahren und ein paar Minuten später schon wieder irgendwo im Lavafeld verschwunden. Der Name ist dann haften geblieben.

Auch bei anderen IronMan Rennen – z.B. das Jahr später bin ich dann Radrekord gefahren 4:24 h:mm.

Sebastian: Der ist ja auch ne Weile stehen geblieben?

Thomas: Ja, aber jetzt hat der Norman Stadler den Rekord – immernoch.

Sebastian: Hast du dich damals schon mit dem Thema Aerodynamik auseinander gesetzt? War das in der Zeit so ein Thema?

Thomas: Ehrlich gesagt schon, aber das war natürlich auf einem komplett anderen Niveau im Vergleich zu heute. Zum Beispiel gab es nicht diese Aerolaufräder. Die haben wir selber gebaut oder beim Radhändler bauen lassen. Radial gespeichte Laufräder gab es fast gar nicht und dann waren das oft so 36 Loch-Felgen mit einer sehr hohen Speichenzahl. Wir haben das einfach so gemacht, dass wir jedes zweite Loch ausgelassen haben und in die verbleibenden Löcher haben wir flache Speichen reingemacht. So fing das zum Beispiel an, dass es einen Unterschied gab zwischen Trainingslaufrädern und Wettkampflaufrädern.

Auch bei der Tour de France sind die damals mit 32-Loch oder 36-Loch Felgen und überkreuzten Speichen gefahren – das war ganz normal, es gab ja nix anderes. Außer beim Zeitfahren, da kam das dann mit der Scheibe auf. Zu der Zeit war es verboten, Sachen zu verkleiden. Das mit der Scheibe könnte man ja günstiger machen, wenn du das Speichenrad einfach verkleidest – aber das war verboten bei der UCI. Dann mussten die so konstruiert werden, dass die innen hohl sind. Dann ist es keine Verkleidung mehr, sondern ein tragendes Teil. So haben die das damals ein bisschen ausgetrickst. Das kam so Anfang der 90er Jahre.

Auch mit dem Triathlon Lenker – eigentlich sind die alle mit einem Rennrad gefahren. Erst wirklich durch Greg LeMond – der war ja der Erste der so einen Aufsatz verwendet hat.

Sebastian: Also waren das vorrangig Ergebnisse durch solche Experimente, weil schneller gefahren werden konnte – ohne dass es Aerodynamik genannt wurde?

Thomas: Am Ende war es das Ergebnis vom Selbstversuch. Wir wussten schon, dass man auf dem Rad flach sein muss – wenn es geht der Lenker tiefer als der Sattel und nicht umgekehrt.

Zum Beispiel gab es zu der Zeit noch keine Triathlon Rahmen. Wir hatten normale Straßenrahmen und dafür gab es spezielle Sattelstützen, die nach vorn gekröpft waren. Damit sitzt du nach vorn gekippt auf dem Rad. Wenn du im Vergleich zu den Radfahrern den Sattel sehr weit hinten hast und machst den Lenker zu tief, dann bist du extrem abgeknickt. So etwas haben wir auch probiert, aber wenn du so abgeknickt bist, sitzt du zwar flach auf dem Rad, kannst aber überhaupt keine Kraft mehr aufs Pedal bringen.

Wir haben dann an einen 28 Zoll Rahmen eine 26 Zoll Gabel montiert. Dann noch ein kleines Vorderrad rein. Damit war das Oberrohr natürlich nicht mehr waagerecht, sondern ging steil nach unten. Das war vom Fahrverhalten ganz brutal. Wenn es nur geradeaus ging war das super, aber wenn du eine Abfahrt mit Serpentinen gefahren bist, hattest du das gesamte Gewicht auf dem Vorderrad. Wenn du da nur ein bissen gebremst hast, hat es entweder sofort blockiert oder das Hinterrad ist hoch gekommen. Das war ganz ganz schwierig zu fahren. Naja gut, wenn du da drauf saßt, hattest du immer das Gefühl es geht runter. So war das.

So richtige Lenkeraufsätze gab es ja auch nicht. Wir hatten da einen Kumpel, der war Heizungsmonteur und der hat uns Kupferrohre besorgt. Die haben wir dann vorn angebaut. So hat das angefangen.
Klar haben wir uns Gedanken gemacht – du musstest flach sein, Druck aufs Pedal bringen. Vom Niveau war das natürlich weit davon entfernt, von dem was heute alles möglich ist.

Und es gab auch keine Leute mit Erfahrung. Die sind auch auf Hawaii mit ganz normalen Rennrädern und Bügellenker gefahren. Du konntest niemanden fragen. Bis zu meinem ersten Start auf Hawaii kannte ich nur eine einzige Person, die überhaupt jemals daran teilgenommen hat. Klar, die hatten dann mal ein paar Rennen in Deutschland oder mal beim Algäutriathlon mitgemacht oder bei uns – Friesenheim, Schömberg oder am Bodensee. Aber da war noch keiner von denen auf Hawaii.

Sebastian: Na die Frage, ob ihr auf der Bahn oder in einer Art Windkanal eure Aerodynamik getestet habt, ist ja damit auch völlig hinfällig.

Thomas: Diese Messsysteme gab es gar nicht für uns. Was willst du dann groß testen. Wenn du keinen Pulsmesser oder Wattsystem hast, dann bleibt das bei deiner subjektiven Einschätzung. Aus meiner Erfahrung ist das auch gar nicht mal so schlecht. Dieses Verhältnis, wie viel Kraft kann ich aufbringen im Verhältnis zu meiner Position.

Als Beispiel: Ein Schwimmer der spürt sofort, wenn der eine andere Hose trägt, an der irgendwas flattert. Er spürt sofort, dass er nicht mehr so gut gleitet. Wenn du also schon viele Kilometer gefahren bist, dann hast du schon so ein Gespür dafür entwickelt – oh ja, die neue Kette oder die Laufräder rollen gut, sind sehr direkt oder im Wiegetritt ist das zu weich, das verwindet sich hinten.

Aber das ist alles nicht vergleichbar mit den Möglichkeiten heute. Da gibt’s ne Bahn, Normbedingungen mit deinem Wattmessgerät, was Null-Komma-wasweißich genau ist und optimierst da im Millimeterbereich.

Sebastian: Du hast gesagt: es gab wenig Leute, die du fragen konntest. Wenn du heute einen Top-Athleten auf Hawaii siehst, dann hat er oder sie seinen Trainer dabei, eventuell noch einen Physiotherapeuten, kann den Bike-Fitter anrufen, fliegt vielleicht sogar den Schwimmtrainer mit ein. Im Vergleich dazu hast du selbst viel probiert, gebastelt und herausgefunden. Wie groß waren denn da so die Teams, gab es da so etwas wie Teams oder hat dich deine Familie unterstützt?

Thomas: Hmmm, eigentlich sind wir mit Freunden, Freundin, Partner oder mal mit den Eltern gereist. So ein richtiges Team hatten wir nicht. Man konnte sich vor Ort ein bisschen was organisieren, auch mit dem Reiseveranstalter zusammen.

Es gab zum Beispiel einen Physio vor Ort, der Abends vorbeigekommen ist und du konntest dich auf einer Liste eintragen. Mal war der dann richtig gut und mal hat er dich nur so ein bisschen eingecremt. Das hast du dir einmal angeschaut, ein paar Dollar auf den Tisch gelegt und gewusst ob sich das lohnt noch mal hinzugehen, oder eben nicht. Mit richtigen Teams hatte das nicht so viel zu tun.

Dafür waren wir aber damals schon ganz schön flott unterwegs. Daran sieht man dann auch, dass es das Training und der Kopf ist. Die Tatsache, dass man so ein Rennen wirklich machen will spielt mit Abstand die größte Rolle.

Wenn du nur die Technik betrachtest, dann musst du als Athlet schon vorn mit dabei sein, sonst hast du von vornherein Nachteile. Alle haben gute Räder – von den Top Leuten kommt ja keiner mit einem Billigrad oder Alurahmen. Wenn du das alles nicht mitnimmst, dann verschenkst du Minuten, die du durch Training nicht mehr so leicht rausholen kannst. Es ist ja so, dass du trainingsmäßig schon das machst, was du aushalten kannst oder was du verträgst – meist bist du schon am Limit und kannst nicht mehr so viel draufpacken. Klar kann man sich immer verbessern, keine Frage – aber beim Rad ne schlechte Aerodynamik, so dass dir von vornherein 10 Watt fehlen – da musst du im Training eher erst mal 2 Kilo abnehmen und das geht meist auch nicht mehr. Dann diese 10 Watt mehr zu treten, dafür brauchst du schon viele Kilometer mehr im Training, um die Zeit reinzuholen auf der Strecke. Das ist ein unglaublicher Aufwand.

Sebastian: In deiner Zeit, in der du aktiv als Profi unterwegs warst – würdest du die Aussage also unterschreiben, dass ein guter Radfahrer auch ein guter Mechaniker war?

Thomas: Ja, also die gröbsten Sachen musst du schon selbst schrauben können. Ein guter Mechaniker ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber vor dem Rennen eine neue Kette montieren oder – ach wir hatten damals noch Steuersätze mit Konterschraube – so etwas musstest du schon können, weil nicht gesichert war, dass vor Ort jemand ist.

Heutzutage, wenn ich mir manche Zeitfahrräder anschaue, da brauchst du ja einen Mechaniker, um das Rad in den Radkoffer reinzukriegen. Wenn dann alles hier und da im Rahmen oder Vorbau integriert ist wird es schnell auch mal komplexer.

Sebastian: Du hast ja schon einiges gesehen. Wenn du jetzt was erfinden könntest, was einen Sportler oder dich im Wettkampf schneller macht. Was wäre das? … Vielleicht könnte man über die Kette nicht nur das Rad antreiben, sondern noch einen Propeller – als Beispiel.

Thomas: Das ist schwierig. Aber die Idee mit dem Propeller ist ganz gut. Irgendwas mit der Kette noch zusätzlich antreiben. Oder vergleichbar zum Laufen: Die Armkraft noch für den Vortrieb nutzen – irgendwas mit Stöcken.

Also ich find es mal ehrlich gesagt ziemlich gut, dass es bei uns nicht so super kompliziert ist wie zum Beispiel bei den Skifahrern. Da brauchst du gleich ein riesiges Team, die wachsen – und wenn du dann super trainiert bist und dein Team schafft es nicht, deinen Ski auf das Niveau von den anderen zu bringen, dann kannst du nach Hause gehen mit deinem stumpfen Ski. Ich hab ja einmal so einen Wintertriathlon mitgemacht. Da habe ich mein eines paar Ski mitgenommen, das ich im Herbst zum Wachsen gegeben habe und das war es. Ich bin dort angekommen und da kamen die Jungs mit VW-Bussen an und hinten waren 20 Paar Ski drin. Die haben dann ne Rutsche gebaut, jeden einzelnen Ski ne halbe Stunde im Schnee gelagert, dann die Rutsche runterfahren lassen und die Zeiten gestoppt – da hatte ich schon gar keine Lust mehr am Wettkampf teilzunehmen.

Klar musst du ein gutes Rad haben mit einer guten Aerodynamik. Das lässt du dir dann im Winter einmal einstellen und dann hast du ein gutes Gesamtpaket für die Saison mit den Klamotten, dem Helm und den Laufrädern – und dann ist aber auch gut. Die Ski-Jungs haben 3 bis 4 Wachser dabei, die die ganze Nacht wachsen und Morgens um fünf und um sechs und um sieben wird die Schneetemperatur gemessen – das ist ja furchtbar.

Da lieb ich schon eher so das Schwimmen: Badehose und Schwimmbrille für 20 Euro und du kannst Weltrekorde schwimmen. Das ist eher so ein Idealfall.

Sebastian: Jetzt bist du aber geschickt zur günstigen Sportart gewechselt. Beim Radfahren sieht es ja schon wieder ganz anders aus.

Thomas: Ja klar. Aber hey, so ein Zeitfahrrad ist aber auch cool. Das ist einfach richtig cool. Und wenn du dann auch noch richtig drauf sitzt, wenn das gut aussieht, dann schau ich mir das auch total gern an. Egal ob das jetzt im Triathlon ist, oder beim Radrennen ein Einzelzeitfahren – das ist Hammer. Das macht einfach Spaß.

Sebastian: Jetzt hab ich noch zwei kleine Fragen für dich. Wenn du auf deinem Fahrrad sitzt, dann bist du ja quasi eins mit deiner Maschine. Als welches Tier würdest du dich beschreiben?

Thomas: Das Problem ist ja, dass der Mensch eines der ausdauerndsten Tiere überhaupt ist. Großwildjagden waren ja früher Hetzjagden. Es gibt kein Tier, welches ausdauernder ist als der Mensch… Also gut – hmmm – vielleicht irgend so ein Zugvogel.

Sebastian: Ein Kranich?

Thomas: Ja, ein Kranich. Aber das hat alles nicht so viel mit Radfahren zu tun. Oder warte mal. Es gibt Gänse, die über den Himalaya fliegen. Das geht ja eigentlich physikalisch gar nicht. Aber die kriegen das trotzdem irgendwie hin.

Sebastian: Geil, ich dank dir.

Thomas: Sehr gerne.